Philo-Zirkel: Metaphysik. Unbestimmtheitsrelation. Subjekt Erde. Zusammenfassung der Ergebnisse 2013 bis 2025. Referent: Reinhart Schönsee.
Die Metaphysik fragt nach dem Wesen des Seins und seiner Wahrheit. In allen systemischen Fragen stellt sich das Problem, wie „Das Eine“ (Hen) (‚on‘, Sein) mit dem ‚Vielen‘ (‚Pan‘: ‚ta onta‘) des ‚Seins‘ vermittelt. Es gilt die Formel Platons (z.B. im Philebos:) „Hen kai Pan“ für die Philosophie bis ins 19.Jh. Die Polarität ist eine unbestimmte Zweiheit (‚aoristos Dyas‘) bei Platon und in der Quantenphysik Heisenbergs. Die Vermittlung geschieht bei Platon per ‘Methexis‘ (‚Teilhabe‘) oder über das ‚Band‘ der ‚Amme‘ im Kosmos als ‚Weltseele‘. - Als ‚Grundsatz‘ der Metaphysik gilt in der Regel die Formel des Parmenides: ‚to gar auton noein estin te kai eina‘: „Denn das Selbe (auton) ist zu Denken (noein: Schauen/ Nous/ Geist) wie zu Sein (Wesen: ‚sprossendes Leben‘). Das grundlegende Problem aller Metaphysik liegt in der Bestimmung, wie „das Selbe“ (auton) die Polaritäten vermittelt.
Platons Lösung war für uns am fruchtbarsten, weil sie auf die Fragen der Gegenwart hinwies. Einen ersten Zugang eröffnet sein Sonnengleichnis: Zu Auge und Gesicht gehöre eine „drittes Wesen“ (‚triton idia): das Licht. (‚Phos‘, auch Feuer). Das Licht ist ein ‚Band‘ (Tzügon) zwischen beiden. Die ‚Dynamis‘ des ‚Guten‘(‚Agathon‘) wirkt über das Licht der Sonne zugleich auf die ‚Physis‘ (auf das Lebendige, Wachsende ‚Gesehene‘ (‚Oraton‘), wie auf das ‚Gedachte‘ (das ‚Noeton‘), vermittelt durch gemeinsame Teilhabe (‚Methexis‘). Platon lässt offen, was das ‚Gute‘ (‚Aganthon‘) genau sei. Es ist das ‚Eine‘ („Sympanta“ Phil. 28d ‚Pleroma‘, Fülle), als dynamische Leitung der ‚Harmonie des Kosmos‘ aus der Weltvernuft („Nous“ und „Phronesis“: ‚Geist und Weisheit’ (eda 29 d, bzw. „Sophia“; Phil. 30 b:).
Im Timaios nimmt Platon das Grundproblem wieder auf (Tim. 27d/ 28a) und beschreibt in dieser Kosmologie die Erde als ein „in Wahrheit beseeltes und mit Vernunft begabtes Lebewesen.“ (Tim. 30b/ c) Zwischen „Dasselbe“ und das „Verschiedene“ stellte der Gott eine „dritte Gattung“. Das Dreieck wird Gestaltungsfigur des Universums. (Tim. 35a). Die ‚Weltseele‘ verbindet mit einem Kreuzband als Mittelglied Materie und Geist. (Tim. 36.b-e). Im ‚Philebos‘ entwickelt Platon besonders klar seine Methode der ‚Dialektik‘, wie „Eins“ und „Vieles“ (‚Hen kai Pan‘) sich in einer „Mitte“ (‚Mesa‘), dem Dritten, verbinden lassen (‚symphyton‘) als unbestimmte Zweiheit: (aoristos Dyas), als zugleich „Bestimmung“ und „Unbestimmtheit“ (Phil. 16 a-e).
Platons Betrachtung führte uns auf drei Untersuchungsfelder:
1. Hegels Dialektik, 2. die Kreislauf- Ökologie und 3. Heisenbergs ‚Unbestimmtheitsrelation‘.
(Siehe dazu die Dateien unserer Homepage zu 2002-2025. Auf ‚Kulturkritik und KI‘ gehe ich nicht ein.)
Zu 1. Hegel führt immer wieder auf das „Subjekt-Objekt“ (z.B. in der ‚Encyklopädie‘ § 415): „Die dialektische Bewegung des Begriffs“ ist „das „Subject des Bewusstseins … (es ist) „die logische Fortbestimmung…des Objects“, sie ist „das in Subject und Object identische.“ Schon früh hat er den Begriff ‚Subject-Object‘ geprägt (Wke 2, S. 95, Suhrkamp). Der zentrale Satz für uns lautet (‚Phänomenologie des Geistes‘, 1807, Vorw. S.40) „Es ist aber weit schwerer, die festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen, als das sinnliche Daseyn.“ Es geht ihm um die „Selbstbewegung“ der lebendigen, nicht fixierten (‚totgestellten‘) Begriffe als „reine Wesenheiten.“
Zu 2. Für die ökologisch informierte Kosmologie geht es darum, Begriffe als Fließbilder des Lebendigen zu bewahren im Bewusstsein, das wir als Subjekte immer auch Objekte in den kosmischen Kreisläufen sind. Die Erde ist darum als atmendes Wesen ein ‚Subjekt-Objekt‘. Sie ist als ‚kosmische Intelligenz‘ das ‚Ganze‘ (Hen. Platons‚ ‚das Gute‘) und zugleich für uns im steten Werden und Wandel das ‚Viele‘, das ‚Pan‘. Um Platons Begriffe anzuverwandeln: Es geht um eine ‚Ökosophie‘. (Vgl. Homepage: ‚Metaphysik und Naturphilosophie: Die Natur als ‚Subjekt-Objekt‘ und ihre Gefährdung‘ 2025). (Eine gute Zusammenfassung unsrer Betrachtung bietet: Emanuele Coccia: ‚Die Wurzeln der Welt.‘ dtv 2025; zur ‚Weltvernunft‘ s. SS 27/ 134 f.) Dazu: Michael Hampe: ‚Tuguska oder das Ende der Natur.‘ (Hanser. 2011) S. 53: „Wenn wir zulassen, dass wir ein Teil der Natur sind, dann müssen wir zulassen, dass unsere Vorstellungen ein Teil der Natur sind.“
Bestimmend sind: Das ‚Gaia-Prinzip‘ (Lovelace), und die drei Ansätze: 1. ‚Deep Econology‘ nach Arne Naess; s. Coccia, S.114).2. ‚Nature Astronomy‘ (Astronomie als Kreislaufwissenschaft Erde-Kosmos); 3.Umgang der ‚Indigenen‘ mit der Natur als „Schenkökonomie“. (Hampe u.a)
Allen gemeinsam ist der intrinsische Wert aller Lebewesen in gemeinsamen Rhythmen, Kreisläufen und Regeneration. Kosmische Signaturen weisen auf das ‚Subjekt Erde‘ als Organimus, wirken auf neuronale Netzwerke, welche auf die Selbstorganisation beider komplexer Systeme hinweisen.
Wir durften darum in neuer Gestalt die traditionelle Vorstellung des Menschen im Kosmos mit der neuen ‚Ökonologie‘ verbinden: So schreibt Schelling: Im Menschen „schlägt die Natur ihr Auge auf“. In ihm gewinnt die Natur ihr Bewusstsein. Herder sagte: Der Mensch sei der „erste Freigelassene der Schöpfung.“ (‚Ideen zur Phil. d. Gesch. der Menschheit. IV,3, 1791.) Weil er weiß, dass er weiß, weil er Erinnerung hat und Identität, hat er Verantwortung für sich und das ‚Subjekt-Erde‘. Er kann es aus Gier zerstören, er kann es aber auch bei fehlender Balance oder Verletzung wieder heilen. Diese Stellung des Menschen im Kosmos begründet seine ‚Würde’ und den ‚Schutz des Lebens‘ als Wertgrundlagen unseres Grundgesetzes.
Zu 3. Heisenbergs ‚Unbestimmtheitsrelation‘. Zum Verständnis der ‚Unbestimmtheitsrelation‘ haben wir vor allem drei Texte gelesen: 1.Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. München 1969. Louis de Broglie: Licht und Materie. Hamburg 1939. 3. John Gribbin: Auf der Suche nach Schrödingers Katze. Quantenphysik und Wirklichkeit. Serie Piper. München 1991.
Die ‚Unbestimmtheitsrelation‘ weist auf eine Analogie zum ‚Hen kai Pan‘:
‚Impuls‘ und ‚Ort‘, Materie (Korpuskel) und Welle (‚Licht‘ mit de Broglie), lassen sich nie in einem Akt zugleich bestimmen. Sie bleiben eine ‚unbestimmte Zweiheit‘. Das ‚Unbestimmte‘ (bei Parmenides und Platon: ‚das ‚Selbe‘) bleibt eine problematische Realität. Wir haben dafür versuchsweise Platons „das Gute“ (seine ‚Dynamis‘ als ‚Agathon‘) in Analogie zum „Deus absconditus“ eingesetzt. Die Quantenphysiker sprachen scherzhaft von einem „Dämon“. Die ‚Unbestimmtheit‘ ergibt sich aus dem ‚Subjekt-Objekt‘: „Die Prognose über das zukünftige Geschehen kann nicht ohne Bezugnahme auf den Beobachter oder das Beobachtungsmittel ausgesprochen werden.“ (Heisenberg, S.121) „Wir können nicht beobachten, ohne das zu beobachtende Phänomen zu stören. (eda 141.) Die Frage lautet: Wie kann das ‚Bewusstsein‘ (Platon: Nous) mit dem ,Vielen‘ der Experimente (‚Oraton‘) als Quanten der ‚Physik‘ zusammenpassen? Der Versuch des ‚Synholon‘ (das gemeinsame Ganze nach Platon) ist die „synthetische Lehre“ der Lichtquanten (Heisenberg, S. 47). Die vermittelnde Mitte (das Metaxü) ist nach Heisenberg evtl. das ‚Plancksche Wirkungsquantum‘ ‚h‘. (Heisenberg, S.54) Die Quantenphysiker entdecken Strukturen, die wir in der astronomischen Naturökologie heute ebenfalls finden: ‚Komplementarität‘, die Möglichkeit der „Umwandlung von Energie in Materie“ (Dirac), ‚Symmetrieeigenschaften‘ und ‚Stabilität der Form“ (Heisenberg, S. 215), und die ‚Wechselwirkung‘ (‚Spin‘ jenseits von Kausalität und Zeit, bei Gribbin, S. 280). Metaphysisch bleibt das Problem der Erhaltung des Individuums und des Kontinuums in der modernen Physik. Heisenberg plädiert darum für die Beibehaltung des „Präfix Meta“ in der Metaphysik. (S. 273) So mag v. Weizsäckers Statement gelten: „Alles Nachdenken über die Natur muss sich ja unvermeidlich in großen Kreisen oder Spiralen bewegen; denn wir können von der Natur nur etwas verstehen, wenn wir über sie nachdenken, und wir sind mit allen unsren Verhaltensweisen, auch dem Denken, aus der Geschichte der Natur hervorgegangen.“ (Heisenberg, S.315 f)
Heisenberg führt mit den Kollegen eine ‚Diskussion über die Sprache‘. (167 ff) Der Vorteil der Sprache der Quantentheorie sei die ‚Enge‘ der ‚logischen Schlussketten‘ (eda, S. 180; s. Gribbin, S. 191) innerhalb der Axiomatik der Mathematik. Das „Unbestimmte“, mit Platon das ‚verborgene Gute’, erfordert Wege, die ‚darüber hinaus (‚Meta‘) gehen. Niels Bohr führte auf den „Begriff Tao“ als ‚Sinn‘. (Er wählte als sein persönliches Wappen ein Oval: Im Zentrum das ‚Yin und Yang‘; In der Umschrift den Text: „Contraria sunt complementa“. (Die Komplementarität als Mittel der Synthese.) v.Weizsäcker nimmt die Diskussion wieder auf in seinem Buch: ‚Der Garten des Menschlichen‘ (S.319 ff; zu Platon; S.432 (‚das Eine‘). Zum Schluss berichtet er über seine Meditationsübung gemäß der „Avaita-Lehre des Vedanta“: „Das Wissen war da, und in einer halben Stunde war alles geschehen....Tränen der Seligkeit.“ (S. 595.) Das war ein anderes, aber berechtigtes Narrativ zur ‚Bestimmbarkeit‘ der „Gegenwart Gottes“ (eda). Wir gewannen den Mut, zu versuchen, das ‚Unbestimmte‘, das „Selbe“, in weiteren Näherungen zu bestimmen.