Die ‚Unbestimmtheitsrelation‘ Heisenbergs als philosophische Kategorie. Ein Anwendungsversuch auf Platon. Philo-Zirkel, am 8.5. 2025. Referent: Schönsee.
In der Philosophie, wie wir sie verstanden haben, und vor allem in der ‚Metaphysik‘‚ geht es um die Bestimmung, Entgrenzung oder Verneinung der Verbindungsnaht zwischen der Endlichkeit und dem Unendlichen. Wird deren Existenz bestritten, gilt entweder der Pragmatismus: ‚Wahr ist, was klappt‘; oder man wählt eine Freistellung von dem Problem unter dem Titel der ‚Postmetaphysik‘. Mit dieser Problematik haben wir uns 2021 bis 2025 ausführlich beschäftiget. (S.die Dateien auf unserer Homepage: ‚Metaphysik und Naturphilosophie’, 2025, S. 4: ‚Unbestimmtheit‘. 2024: ‚Metaphysik versus Pragmatismus, KI und ‚Postmetaphysik‘; 2022: ‚Angst vor dem Geist’ 2021; ‚Wozu Metaphysik? Wir haben doch Internet.‘ 2022.)
Ohne die Sicherheit, dass es gegenüber der ‚Endlichkeit‘ noch ein ‚Darüberhinaus‘ gibt, dass also die ‚Meta - Physik‘ einen sinnvollen Gegenstand hat, verliert Philosophie die ‚Universitas‘ im Kreis der Fakultäten und zerlegt sich in die Fachgebiete. (Zum Problem vgl. Homepage 2025: ‚Philosophie im Zeitgeist‘.) Einen Ausweg zeigt die Popularphilosophie, die trotz Drittmittelvorgaben und des Prekariats unter der Steuerung der Plattformdiktatur ein größeres Lesepublikum erreicht. Bei dem eklatanten Verfall der Lesebereitschaft und –fähigkeit haben die philosophischen Quellentexte keine Chance. In einer Spaßgesellschaft und Eventkultur zählt das ‚Shopping‘-Erlebnis allemal mehr als die ‚Anstrengung des Begriffs‘ (Hegel). Unser kleiner Kreis fällt da etwas aus dem Rahmen.
Als Väter der ‚Metaphysik‘ gelten Parmenides und Heraklit. Bei beiden tritt die ‚Unbestimmtheit‘ als ‚Unschärfe‘ der Grundlagen in Erscheinung. Parmenides berühmter Satz lautet: „to gar auton noein estin te kai einai.“: „Denn das ‚Selbe‘ (auton) ist ‚Denken‘ (Nous, Geist, Schauen des ‚Ganzen‘) wie zu ‚Sein‘ (Fülle, Wesen, ‚sprossendes Leben‘).“ Platon greift Heraklits Position kritisch auf im ‚Kratylos‘ (52d): „Es ist nämlich niemals (nach Heraklit) irgendetwas, sondern befindet sich immer im Prozess des Erscheinens.“ Platon verbindet beide Positionen in seinen Gleichnissen mit der Feststellung, dass das „Eine (‚Hen‘) (der Vernunft: ‚Noeton‘) immer im ‚Gesehenen‘ (dem ‚Oraton‘) als das ‚Viele‘ (‚to Pan‘) erscheint. (vgl. Homepage 2025: ‚Eins und Vieles‘.) Im ‚Liniengleichnis‘ stehen beide Seiten in einem proportionalen Verhältnis. Im ‚Sonnengleichnis‘ erleuchtet das Licht (Phos) des Apoll sowohl den Geist als auch die ‚Physis‘ (alles ‚Gesehene‘, Lebendige). Über dieser ‚Zwei-Einheit‘ steht das ‚Ganze‘ als das ‚Gute‘ (als ein ‚Über-Sein‘; ‚Über-Wahr‘: ‚Hyper‘). Das ‚Agathon‘ oder der ‚Vater‘ als Erzeuger mit der Zeugungskraft der ‚Dynamis‘ reicht von dort durch das Absolute hindurch bis in den Kosmos. Die immanente Welt entsteht als Abbild des ‚Ganzen ‘ durch den Demiurgen (‚Timaios‘), den ‚Sprössling‘ und Bildner des Kosmos. Beide Sphären sind über die ‚Sonne‘ und die „Dynamis“ des ‚Vaters‘‘ ein ‚Synholon‘, ein ‚vereinigtes Ganzes‘. Beide Welten sind eine Synthese, die als ‚unbestimmte Zweiheit‘ (aoristos Dyas) für die den Verstand (‚Dianoia‘) in der Schwebe bleibt. (Vgl. Homepage 2024: ‚Annäherung an Platon: Die Gleichnisse‘. Und: 2025 ‚Platons Begriffe‘. ‚Platons Sonnengleichnis: Schema.‘)
Die Dialektik des Sokrates verlangt die Synthese der Gegensätze in der Erkenntnis der ‚Teilhabe‘ (Methexis) oder auch ‚Mischung‘ wie im Krug des Dionysos. Wenn Sokrates seinen berühmten Satz sagt: ‚Ich weiß, dass ich nichts (oder das Nichts) weiß‘, so weist er auf die Aporie, mit der viele seiner Dialoge schließen. Die Dialektik verlangt zur Bestimmung die Gegensätze die Erkenntnis des Umschlags des Einen in das Adere; z.B. wird ‚Kälte‘ erst erkannt, wenn sie in ‚Wärme‘ umschlägt. In der Grenzbestimmung oder der jeweiligen Feststellung der Aporie liegt der Moment der ‚Unbestimmtheitsrelation.‘
Wo liegt die ‚Grenze‘ (Peras) des ‚Unbegrenzten‘ (‚Apeiron‘)‘? Immer wieder spielt Sokrates mit seinen ‚ernsten Scherzen‘ (‚ernsthaft wie Kinder spielen‘: ‚spoudaious peizen‘: „im Scherz durch Feierlichkeit aus der Fassung“ bringen, ‚Philebos‘, 28c) und hofft wie Faust (Tl. II, v. 6256) im „Nichts“ das „All“ zu finden. Die ‚Unbestimmtheitsrelation‘ der ‚Teilhabe‘ ist also Ironie und ein Erkenntnismittel, um die Kippstelle zwischen Transzendenz und Immanenz auszumachen.
II.
Das vorige Semester mit dem Titel ‚Naturphilosophie‘ unter Anleitung der Darstellung Paul Feyerabends (‚Naturphilosophie‘. stw. Nr.2257) gab Anlass, die Quantentheorie heranzuziehen, nämlich mit der bekannten Feststellung Heisenbergs: „Wir können nicht beobachten, ohne das zu beobachtende Phänomen zu stören, und die Quanteneffekte, die sich am Beobachtungsmittel auswirken, führen selbst zu einer Unbestimmtheit in dem zu beobachtenden Phänomen.“ (‚Der Teil und das Ganze‘, 1969, S.141); es bestehe eine grundsätzliche „Unmöglichkeit…, das Ergebnis der Beobachtung zu objektivieren.“ (eda.)
Die Welt ist mit Hegel eine „Fließbild des Geistes“. (‚Phänomenologie des Geistes‘, 1807, 1807, S.XLI.) (Vgl. Platon, Nomoi, 966e: Die Selbstbewegung der Seele bringt „ein ewig fließendes Sein“ hervor.“) Die Fixierung dieser Flussdynamik durch ‚Begriffe‘ (‚De-Finitionen: Grenzsetzungen) erlaubt nur, auf die Quantenphysik übertragen, entweder die Ortsfeststellung der Korpuskel oder die Impulsmessung bei Vernichtung und seiner Ortung. So ergibt sich bei Aushebelung der Kausalgesetze und ihrer Objektivität Newtons ein ‚Subjekt-Objekt‘, das Heisenberg scherzhaft „Wellikel“ (eda. S. 130) nennt. Hegel nennt das vergleichbar Phänomen selbstbewegte „geistige Wesenheiten.“ eda.) Die „Paradoxie“ der Quantenphysik (Heisenberg, eda. S. 62) und ihre „verdammte Quantenspringerei“ (Schrödinger, eda.) gleichen den Aporien Platons. Einstein wollte sie nie anerkennen. Statistische Größen, Zufall und diskrete Werte, fehlende Kausalität waren für ihn absurd: „Der liebe Gott würfelt nicht.“ (Heisenberg, S.111)
III.
Die Feststellung der ‚Unbestimmtheitsrelation ‘ hat für die Philosophie elementare Bedeutung: Sie sichert in der Gewissheit des ‚Darüberhinaus‘ eine metaphysische Existenz, die sich als das ‚Ganze‘ der Sprache der Physik entzieht. Heisenberg betont mit Niels Bohr darum ausdrücklich: „Das Präfix Meta soll doch nur ausdrücken, dass es sich um die Fragen handelt, die danach kommen.“ (eda. S. 273: die also als Wirklichkeiten ‚darüberhinaus’ liegen (bei Platon: im ‚Ursprung‘/ ‚Agathon’).
Heisenbergs Schrift ist in weiten Teilen eine Wiedergabe der Diskussion der Atomphysiker über die kategorialen Grenzen der Taxonomien, ihrer Sprache, Symbolik und ihrer Überwindung. Er zitiert N. Bohr: „Wahrscheinlich ist es doch bei den allgemeinen Problemen der Philosophie, insbesondere der Metaphysik, ganz ähnlich. Wir sind gezwungen, in Bildern und Gleichnissen zu sprechen, die nicht ganz genau das treffen, was wir wirklich meinen.“ Platon sagt darum im ‚Timaios‘, 48c: „Über den ‚Ursprung (‚arche‘) von allem‘ oder die ‚Ursprünge‘ oder wie man es sonst damit hält, soll jetzt nicht gesprochen werden, und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil es schwierig ist, unsere Meinung bei der gegenwärtigen Weise der Behandlung deutlich darzulegen.“ Die „Sagbarkeit“ (‚Nomoi‘, 968e) stellt Platon ohne rechte ‚Vorbereitung der Seele’ grundsätzlich in Frage, weil Sprache an eine physische Artikulation gebunden ist. Erst recht ist Schriftliches durch die Zeichen fixiert und physikalisch definiert, so dass es das ‚Ganze‘ nicht fassen kann. Darum gibt Platon für die Eingeweihten der Akademie eine ‚ungeschriebene Lehre‘, die an die Mysterienschulung anknüpft. Bei der Ergriffenheit ‚Entousiasmos‘ (Phaidr. 249d) durch den Dämon wird er zum „Wahrsager“ unter der Leitung der Musen, der Pythia vergleichbar (Phaidr. 244a). Vorher hat er den symbolischen „Fluss“ der Lethe überschritten, er ist im ‚Übersein‘ des „göttlichen Wahnsinns“. Seine „Wahrsagekunst“ („Manike“, 244c) zählt zur „edelsten Kunst“ der „Zunft“ der Philosophen. (Phaidr. eda.)
Die Physiker im Gespräch mit Heisenberg sehen die Chance, eine Sprache zu finden, die über die ‚Unbestimmtheit‘ hinaus führt in der Erkenntnis: „Wenn man alles Unklare ausgemerzt hat, bleiben wahrscheinlich nur völlig uninteressante Tautologien.“ (Heisenberg, S. 278) Niels Bohr setzt darum in sein Wappen die Zweieinheit des ‚Tai-Chi‘ mit der Umschrift: „Contraria sunt complementa“. Er findet im ‚Zen‘‘ eine angemessene Sprache. Entscheidend ist eine Weltsicht, die eine „zentrale Ordnung“ (Heisenberg, S. 279) kulturell einzubetten weiß. Heisenberg nimmt Bezug auf Platon und die buddhistischen Religionen Asiens. Für beide wie für Carl Friedrich von Weizsäcker muss die „Erfahrung der westlichen Wissenschaft“ noch einen „Schritt weiter geführt“ werden. (Weizsäcker, ‚Der Garten des Menschlichen‘, 1992, S.593) Weizsäcker schildert seine Befreiung aus tiefer Depression durch die Begegnung mit der brahmanischen „Advaita-Lehre des Vedanta“ (eda). Er sieht eine „Nähe, wenn nicht Identität mit Platons Lehre des Einen“. (eda. S. 593; vgl. unser „Eins und Vieles“.) Weizsäcker berichtet: Am ‚Grab des Maharshi‘, „wusste ich im Blitz: „Ja, das ist es.““ (S. 595) „Das Wissen war da, und in einer halben Stunde war alles geschehen. Ich nahm die Umwelt noch wahr, den harten Sitz, die surrenden Moskitos, das Licht auf den Steinen. Aber im Flug waren die Schichten, die Zwiebelschalen durchstoßen, die durch Worte nur anzudeuten sind: „Du…Ich..Ja“: Tränen der Seligkeit ohne Tränen.“
Die Schilderung teilt mit den Berichten der Erleuchtung drei wesentliche Elemente: (1) ‚Plötzlichkeit‘ (‚Blitz; vgl. Heraklit: ‚Alles steuert der Blitz‘; bei Platon die plötzliche (exaifnes) Wende im ‚Höhlengleichnis‘.) Die Erfahrung des ‚Avidya‘: Des ‚Nichtwissens, bei Durchstoß zum farblosen Licht, des hellsten Glanzes (2) aus der Höhle (den Zwiebelschalen) bei Gefahr des Uneingeweihten: Blendung und Rückstoß in die Schatten zu erleiden. (3) Die Befreiung (‚Seligkeit‘) von der ‚westlichen‘ Ich-Bindung, von der unumgehbaren Wechselwirkung von Subjekt und Objekt in der experimentellen Forschung.
Es gilt das „Avidya“ (‚Unwissen‘) in den „Schatz“ (‚schreas‘) des „Vidya“ (Cusanus: ‚Docta ignorantia‘: Sokrates: ‚Nichtwissen‘) zu verwandeln: „because of which the Self (the Real) looms as real and the non-Self (the unreal) as unreal is vidya, al is rope understood as real and the snake as the unreal superimposed on the rope.“ (Rig-Veda, Bd. 2. Marix-Verl.2008, S.265) (Dem Sinn nach: ‚Dieses Schwanken als das ‚Selbst’ (das ‚Wirkliche‘ als Reales) als real und als das Nicht-Selbst (das Unreale‘) als unreal ist Vidya. (Von ‚videre‘:‘Schau‘) Alles ist Band als Reales und zugleich Unreales wie die Schlange des Ouroboros, die sich um das Band der Welt schlingt (‚diaplekeisa‘. Tim. 36e).) (Vgl. den angedeuteten Ouroboros in Bohrs Wappen.) Dieses ‚Schwanken‘ ist mit der ‚Unbestimmtheit‘ vergleichbar. Das Schwanken ist der Kipppunkt des ‚Transitus‘, des (‚mystischen‘) Übergangs ins ‚Leere‘, in die Geborgenheit ‚Brahmans‘.
Das „transcende te ipsum“ (Augustinus: ‚übersteige dich Selbst‘) gilt für die platonischen Philosophen wie für Plotin genauso wie z.B. für z.B. Bonaventura und für alle Mystiker der westlichen wie auch der muslimischen Welt. Immer führen Stufen zur absoluten Lichterfahrung, welche eine Sehnsucht auslöst, die ‚Seligkeit im Augenblick‘ (‚Faust‘, v.1700) zu bewahren. Wobei der Forscher auf Grund der ‚Unbestimmtheit‘ weiß, dass das Ziel (mit Lessing) immer nur der Weg ist.
Wer das ‚Meta’ vor der Metaphysik streicht, durchstreicht auch ihren Anteil an diesem gewaltigen Erfahrungskomplex. Dann gilt das Motto der ‚Royal Society‘ Newtons: „Nullius in Verba.“ (Dem Sinn nach: ‚philosophische Märchenerzählungen („verba“) taugen nichts; was einzig zählt, sind Experimente und Fakten.‘) Metaphysik ist dann nur noch lyrischer Anhang zur Experimentalphysik.