Eins und Vieles (Henk kai Pan) Zusammenfassung der Argumentation. Sö.
I. Parmenides 132 a ff:
Jeder ‚Begriff‘ (eidos: geschaute Vorstellung) ist in der Seele. Alles was gedacht wird (das Noumenon), ist immer ein Eines und dasselbe von allem (to auto epi pasin).132 c. ,Begriffe‘(Eidos) sind im Grunde Urbilder (paradeigmata). Ihre Aufnahme sind Nachbilder in der Seele (der ‚aufgewiesenen‘ Urbilder) und als Abbilder Viele.
a. Das Eine ist mit sich selbst identisch (eauton) und steht außerhalb von Sein und Zeit.140e. (Dieses ‚Eins‘ ist wie eine Zahl 1ein mathematisches Axiom. Es ist nicht ‚propositional‘.) Damit steht es außerhalb jeden Maßes (ist Nichts =Null und Unendlich; die Gegensätze ‚grenzenlos‘ (apeiron) und ‚begrenzt‘ (peras) dagegen sind Bedingungen der Zeitlichkeit. Das Eine ist nur (modern gesprochen) im Limes der Integration als Differential fassbar, also nur axiomatisch, als mathematische Setzung in einem widerspruchsfreien, geschlossenen Systems, und nicht sprachlich dem ‚Wesen‘(seiend) gemäß zu fassen.142a. Als Zahl an sich bietet es eine unendliche Menge;144a. Doch das Unendliche ist nicht „in der Zeit“.140e.Vgl. ‚Philebos‘17d.u. ‚Proklos‘ 50.
b. Wenn das Eins ‚ist‘, wird es zum ‚Seienden Sein‘. Sind Sein und Eins „dasselbe“, so impliziert das einen Plural, also hat es Teile, und diese haben wiederum teil am Ganzen.
c. Das Ganze wird umgrenzt und hat durch die Grenze Gestalt. Das ‚Seiende Eins’ hat damit auch ‚Anfang, Mitte und Ende‘.145a (Seine Formen sind der Gestaltung fähig durch die kosmische Intelligenz der „Sophia“ (Weisheit)und für den Nous (Vernunft) erkennbar. (Nach ‚Timaios‘ 17.) Es ist der ‚Episteme‘ (Vernunft), ‚Doxa‘ (Meinung) und Aisthesis (Wahrnehmung) zugänglich.155. (Vgl. ‚Linien‘- und ‚Sonnengleichnis‘)
d. Beide Seinsarten sind von einander verschieden. In dem ‚Ganzen‘ aber können sie sich berühren, wenn nämlich zu den Zweien die Berührung als Drittes hinzutritt; doch in der Berührung verschwindet dieses Dritte mit der Folge: dass das „Eins sich selbst (eautou) und das Andere (ton te allon) sowohl berühren ( haptetai) als auch nicht berühren“ kann. 149d. Wird das ‚Seiende Sein‘ auch älter und jünger, so gilt doch, dass das „ Jetzt“ immer bei ihm ist. (Das ‚Jetzt‘ (nün) ist außer der Zeit: In dem ‚Moment‘ kann das ‚axiomatische‘ Sein in das ‚Seiende Sein’ umschlagen, bzw. in ‚Methexis‘ (Verbindung) treten. „Es ist etwas Wunderbares, das, worin es ist, wenn es übergeht.“ Es geschieht im Augenblick ( ‚exaifnes‘: vgl. die schmerzliche Wendung im ‚Höhlengleichnis‘), hier im ‚Parmenides‘ als ‚Metabole‘ (Wandlung).156d. Beide haben Teil an der ‚einen Idee‘ (idea) und an dem Einen, das aus allem Gesamten ein Vollständiges geworden ist. (Diese seltene Bemerkung führt auf die Ideenlehre. (Vgl. 164b: das alles mag „plötzlich wie im Traume erscheinen“ ( en hypno phainetai exaifnes). Das Ganze wirkt wie ein ‚Gemälde‘ dessen Einzelheiten man erst im Hinzutreten erkennt, und doch als im Ganzen erfahren wird.165c/d. Dazu braucht es allerdings die Öffnung zum ‚Agathon‘ (dem ‚Guten, ‚Höchsten‘: ‚Sonnengleichnis‘): „guter änner ( agathon andron) einmütiger Gedanken (Noesis)“. (Erster Brief,310a)
II. Philebos
Sokrates beginnt im ‚Timaios‘ mit der Wendung „Eins, zwei, drei! Wo aber, mein lieber Timaios, blieb uns der viere…?“ Diese bedeutsame Frage weist auf die Tetraktis der Pythagoreer und damit voraus in den Text. Im ‚Philebos‘ stellt Platon dem Protarchos den Philebos gegenüber, die als Partner mit dem Niveau des Parmenides nicht vergleichbar sind. (Protarchos ist pragmatischer Hedonist, Philebos eher ein naiver Mitdenker.) Entsprechend entfaltet sich der Dialog. Es geht um den Vorzug der ‚Phronesis‘ (Vernunft) über die ‚Hedone‘ (Lust). 18eff.
Als Vorgespräch ergibt sich die Frage, die schon oft gestellt worden sei, wie aus Eins, dem Unveränderlichen, im Werden und Vergehen Vieles werden kann. 14b.Sokrares weist auf die ‚Aporie‘ des ‚Zugleich‘ beider Seinsweisen hin .15b. Interessant für das Sprachproblem in der platonischen Philosophie ist die Frage, wie aus der Eins der Grammatik (besser: der unaussprechlichen Lehre Platons) in ihrer sinnlichen Umsetzung in Laute als Klänge und Buchstaben verstehbare Einheiten werden können. (Parallel dazu: wie aus der Unendlichkeit der chaotischen Geräusche Töne, Klänge und Tonarten in der ‚Musik’ gefunden werden können.) Dieses habe der Gott Theut (Hermes) den Menschen gewiesen.18b. Voraussetzung für die Entscheidung, ob Lust oder Vernunft den Vorzug verdiene, sei, „ dass man sich selbst nicht verkenne.“(auton auton) Das weist auf die von Sokrates oft zitierte delphische Formel des Apoll : ‚Erkenne dich selbst‘, die als „epimeleia seauton‘‘ meint, sich als Person im Hinblick auf die Lebensführung zu prüfen, vor allem zu erkennen, dass der Mensch kein Gott sei. Es geht um das ‚Agathon‘ im Sinne des ‚Sonnengleichnisses‘, und um die Prüfung, wie nahe man diesem ‚Guten‘ kommt.19d. Sokrates weist hier wie im ‚Parmenides‘ auf die Chance der Mischung (meikton): ‚Vernunft‘ und ‚Lust‘ sind zwar noch nicht das „Gute“ (Agathon) selbst, aber man kann eine Rangordnung feststellen: Die Vernunft steht zum Guten näher.22d/e. Bei allen Gegensätzen, dem Begrenzen und Unbegrenzten, Hitze und Kälte, kommt es immer bei der Mischung auf das „Angemessene“ und „Ebenmäßige“ an.26b (Bei Geräusch auf Wohlklang, bei Buchstaben auf Sinn.) Zum dialektischen Dreischritt (1) Unbegrenztes.,2) Begrenztes und (3) Ergebnis sei noch ein viertes hinzuzufügen: die (4) Ursache des Werdens (aitia; Im ‚Höhlengleichnis: ‚Dynamis‘). 27b.
Die Aporien dienen der Vorbereitung auf den Zusammenhang von ‚Nicht-Wissen‘, auf das Problem der ‚Unbestimmtheitsrelation‘ Heisenbergs und Bohrs ‚Komplementarität, und einer anderen ‚Sagbarkeit‘ neben Experiment und Mathematik. (Vgl. W. Heisenberg: ‚Der Teil und das Ganze‘. Piper Vgl.1969. SS.17, 23, 41, 57, 61, 91, 109, 123, 141, 148, 154, 181 (‚TAO‘) ,215(‚Platon‘) ,267 ( ‚Metaphysik u. Religion‘), 272 ( ‚Konfuzius‘), 273 ( „Das Präfix ‚Meta‘ “: „Fragen nach den Grundlagen“.)